Die älteste Schule in Hernals

 

Die erste Schule in Hernals befand sich in der Schulgasse (heutige Kindermanngasse). Allerdings war dies noch eine Pfarrschule, die von den Paulinern, einer Ordensgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche, errichtet wurde. Am 25. Oktober 1860 fand die feierliche Einweihung durch Domkustos Andreas Kastner statt. Der Bau verfügte über 10 Klassenzimmer und ermöglichte dadurch einen getrennten Unterricht der Geschlechter. Die Schule wurde nach Ferdinand Kindermann, einem Mitverfasser der Normalschulbücher, benannt. Die ersten öffentlichen Schulen wurden im 19. Jhdt. eröffnet. Erst 1869 wurde im Zuge des „Reichsvolksschulgesetzes“das gesamte Schulwesen dem Staat unterstellt. Das kirchliche Aufsichtsrecht an Schulen wurde auf den Religionsunterricht beschränkt. 

Ab 1876 wurde das Schulgebäude in der Kindermanngasse als reine Mädchenvolksschule geführt. 

1. Klasse Jahrgang 1887/88 (Quelle: Bezirksmuseum Hernals)

Großer Umbau

Im November 1899 wurde unter Bürgermeister Dr. Karl Lueger durch den Gemeinderat die Vergrößerung des Schulgebäudes in der Kindermanngasse beschlossen. Durch den Aufbau eines dritten Stockwerkes, sowie dem Ausbau eines einstöckigen Hoftraktes und der Errichtung eines Stiegenverbaues für die Hauptfront wurde die Möglichkeit geschaffen, die Kapazität der Schülerzahlen zu erhöhen. Die Kosten für den Umbau betrugen 65.000 Gulden. Eigentlich sollten die Bauarbeiten in den Hauptferien durchgeführt werden. Die Arbeiten waren zu Schulbeginn allerdings noch nicht abgeschlossen. So kam es, dass die Kinder der Kindermanngasse in diesem Sommer eine Verlängerung der Ferien bis 8. Oktober genießen konnten. 

Am 30. Oktober 1900 fand die feierliche Eröffnung des Ausbaues der städtischen Bürgerschule Kindermanngasse 1 statt. Bis auf einige Renovierungsarbeiten, ist das damalige Schulgebäude bis heute erhalten.

Kriegsjahre

Die Zeiten des 1. Weltkrieges brachten natürlich viele Veränderungen für den Schulalltag. So wurden die Schülerinnen der Kindermanngasse beispielsweise dazu verpflichtet, im Handarbeitsunterricht Ausrüstungsgegenstände für Soldaten herzustellen. Darunter waren z.B. Socken, Wadenwärmer, Taschentücher, Rückenwärmer, Handschuhe, Tabakbeutel und Moskitonetze.

Über die Zeit des 2. Weltkrieges ist wenig bekannt, da die Schulchroniken dieser Zeit kurz vor Kriegsende vernichtet wurden. Die älteste der erhaltenen Schulchroniken beginnt mit dem 10. Mai 1945. Der pensionierte Volksschuldirektor Franz Scheithauer wurde nach Inhaftierung seines Vorgängers provisorisch eingesetzt. Das Schulgebäude hatte unter den letzten Bombenangriffen sehr gelitten. Eine Bombe traf den Schulhof, eine weitere das Arztzimmer und eine dritte schlug in die südwestliche Ecke des Hauses ein. Dabei entstand ein Loch im Dach, durch welches ungehindert Regenwasser ins gesamte Gebäude eindringen konnte. Unterricht war also vorerst nicht möglich. Die Schülerinnen der Kindermanngasse wurden bis zum Wiederaufbau in der Hernalser Hauptstraße 100 unterrichtet. Neben dem häufigen Fehlen einiger Kinder, beklagte Scheithauer vor allem den gesundheitlichen Zustand der Mädchen. Mehr als die Hälfte war schwer unterernährt.

Wiederaufbau

Am 5. September 1949 waren die Renovierungsarbeiten in der Kindermanngasse 1 abgeschlossen und der Schulbetrieb konnte wieder im eigenen Gebäude aufgenommen werden. Dies brachte einige Neuerungen mit sich. Anstelle der fix montierten Sitzbänke verfügte jedes Klassenzimmer nun über zweisitzige Tische und Sessel. Auch Kästen und Waschgelegenheiten waren nun vorhanden.

Sämtliche Schulhefte, Bücher und Arbeitsmaterialien wurden in freiwilliger Mitarbeit der Lehrerinnen und der Schülerinnen aus dem Schulgebäude in der Hernalser Hauptstraße zurück in die Kindermanngasse gebracht. Zum Andenken an die Wiedereröffnung der Schule ließen sich die Lehrerinnen unter Leitung von Direktor Scheithauer fotografieren.

Direktor Scheithauer und die Lehrerinnen der Kindermanngasse, 1945
Klassenzimmer nach dem Wiederaufbau, 1949

Buben an der Schule

Erst im Schuljahr 1954/55 wurden auch wieder Klassen für Buben an diesem Standort eröffnet. Die ersten Fotografien der gemischten Klassen waren in den Chroniken von 1962/63 zu finden.

1a 1962/63

Weitere Ereignisse

Im Schuljahr 1981/82 wurde erstmals der Kindermann-Kurier vorgestellt. In dieser schuleigenen Zeitschrift des Elternvereins sollten wissenswerte Themen des Schulaltages vermittelt werden. Die Zeitung wurde im Eigendruck hergestellt. 

Im Jänner 1982 wurde unter Schulleiterin Vobl. Edith Spies das Projekt Begleitlehrer ins Leben gerufen. Ähnlich der heutigen Teamlehrer stand den 1. Klassen ab nun eine zusätzliche Lehrkraft zur Unterstützung von Kindern mit Sprachschwierigkeiten zu Verfügung. Außerdem wurden sprachliche Förderkurse für SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache angeboten.

Im Schuljahr 1982/83 wurde der Schulversuch Verbale Beurteilung erstmals in zwei ersten Klassen erprobt. Damit hielt die alternative Leistungsbeurteilung in der Kindermanngasse Einzug, welche bis heute fester Bestandteil des pädagogischen Leitkonzepts der Schule ist. 

1984 wurde die schuleigene Bibliothek eröffnet. Der Umfang der auszuleihenden Exemplare betrug zu Beginn 100 Stück und wurde durch Spenden schnell vergrößert.

 

 

Schulversuch „Neue Grundschule“

Unter Direktorin Eva Slama wurde im Schuljahr 1989/90 der Schulversuch „Neue Grundschule“, der seit 1987 in Wien bereits an anderen Schulen durchgeführt wurde, auch in der Kindermanngasse umgesetzt. 

Im Mittelpunkt des Schulversuches standen die Lerngruppen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte hatten. LGA (Lerngruppe A) setzte den Focus damals auf die Zweisprachige Alphabetisierung, LGB unterrichtete nach Montessori. Diese Art der Reformpädagogik setzt den die Eigenständigkeit und Tätigkeitsdrang des Kindes in den Vordergrund: „Hilf mir, es selbst zu tun!“. Und das Team LGC beschäftigte sich mit verschiedenen Formen des offenen Lernens. Die Kinder der Vorschulklassen wurden ebenfalls in die Lerngruppen integriert. Ziel der drei Lerngruppen war es, den Kindern ihr eigenes Lerntempo zu ermöglichen, die Selbstständigkeit der Kinder zu fördern und Lernumgebungen zu schaffen, die geeignete Materialien für diese neuen Lernmethoden beinhalten.

Der Schulversuch „Neue Mittelschule“ wird bis heute praktiziert. Team B und C arbeiten nach wie vor intensiv nach Montessori und anderen offenen Lernmethoden. Auch in Team A werden diese praktiziert. Der Schwerpunkt „Zweisprachige Alphabetisierung“ ist im Laufe der Jahre der „Nonverbalen Kommunikation“ gewichen.

 

Zweisprachige Alphabetisierung

Durch die zweite große Welle der Zuwanderung von Gastarbeitern aus dem damaligen Jugoslawien und später auch aus der Türkei in den Jahren 1988-1993 standen die Pädagogen der Kindermanngasse vor neuen Herausforderungen. Schnell erkannte man, dass die Vielfalt an Sprachen und Kulturen ein Gewinn für alle Schüler sein könnte, aber auch, dass es neuer pädagogischer Konzepte bedarf, um die Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache erfolgreich in den Unterricht zu integrieren.

Um dies zu gewährleisten, starteten Elisabeth Nevyjel, Ertan Özgüler und Christine Rammesmayer im Schuljahr 1989/90 das Projekt „Interkulturelles Lernen – Muttersprachliche Alphabetisierung“ im Team A. In Wien gab es damals keine anderen Projekte zur zweisprachigen Alphabetisierung. Vorbild war ein Schulversuch aus Westberlin, bei dem dies seit 1983 erfolgreich umgesetzt wurde, auch in Großbritannien und Schweden gab es bereits ähnliche Projekte.

Bei dem Schulversuch sollten türkische Kinder der ersten Klasse das Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache erlernen, während Deutsch nur mündlich, quasi als lebende Fremdsprache unterrichtet wurde. Erst nach erfolgter Alphabetisierung wurden die türkischen Kinder mit der deutschen Schriftsprache konfrontiert. Die deutschsprachigen Kinder der ersten Klasse wurden selbstverständlich auf Deutsch unterrichtet, hatten aber die Möglichkeit sich Kenntnisse der zweiten Unterrichtssprache anzueignen, da immer alle Kinder gemeinsam von drei LehrerInnen unterrichtet wurden. Die Idee erfreute sich großer Beliebtheit bei Kindern, Eltern und Lehrern. Zu Beginn gab es aber auch einige Schwierigkeiten. Das größte Problem war die Finanzierung. Der Schulversuch wurde zwar genehmigt, jedoch von staatlicher Seite in keinster Weise unterstützt. Die Umstellung auf einen zweisprachigen Unterricht erforderte jedoch ein gewisses Budget. Türkische Arbeitsbücher, Lernmaterialien oder Kinderliteratur waren in Wien darüber hinaus überhaupt nicht erhältlich. Um das Projekt letztendlich doch umsetzen zu können erwarben die Pädagogen in Eigenregie in München und Istanbul ca. 150 Bücher sowie eine Schreibmaschine mit türkischen Lettern.

Die Bedeutung der Muttersprache in Bezug auf das Erlernen von Zweitsprachen hat in der Pädagogik heute einen höheren Stellenwert. So gibt es nun eine Vielzahl an Schulversuchen und Schulen, die dies erfolgreich umsetzen. Die Kindermanngasse kann hier getrost als Vorreiterin bezeichnet werden.

 

Jüngere Ereignisse

Im Schuljahr 2016/17 unter der Leitung von OSRn Ursula Cermak erhielt die VS Kindermanngasse als eine von 114 Schulen von ganz Österreich das MINT-Gütesiegel. Damit werden Schulen ausgezeichnet, die versuchen Rahmenbedingungen für ihren Unterricht so optimal wie möglich zu gestalten und besonders darauf zu achten, dass Mädchen und Burschen gleichermaßen für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) begeistert werden.

Als weiterer Schwerpunkt der Schule ist der Umgang mit neuen Medien zu nennen. So hat das Team der Kindermanngasse im Laufe der letzten Jahre an vielen Workshops, Weiterbildungen und Wettbewerben rund um dieses Thema teilgenommen. Dabei konnten auch einige Preise gewonnen werden. Darunter etwa mehrere in der First Lego League. Hierbei entwerfen, bauen und programmieren die Kinder Roboter aus Lego und nehmen an Wettbewerben gegen andere Schulen teil. 2019 wurde mit einem Podcast-Projekt der Media Literacy Award gewonnen. Neue Medien sind im Alltag der Kindermanngasse angekommen. Jede Klasse verfügt nicht nur über 2 Computer, sondern auch über mehrere Tablets und Roboter, die zur täglichen Lernarbeit genutzt werden können. Die Kinder lernen aber auch den kritischen Umgang mit diesen Werkzeugen: Beim „Surfschein“ beweisen sie, dass sie sich sicher im Internet bewegen können und über die Gefahren Bescheid wissen. Die verschiedenen Projekte der Schule werden jährlich an die Bildungsdirektion weitergeleitet und wurden mit dem Gütesiegel „Digital kompetente Klasse“ ausgezeichnet.

 

COVID19

Im Februar 2020 traf die Covid-19 Pandemie auch Österreich. In einer Pressekonferenz am 11. März gab die Regierung bekannt, dass nach den Schließungen der Universitäten und Oberstufen auch die Pflichtschulen ab 16. März auf „Home-Schooling“ umstellen sollten. Binnen kürzester Zeit erstellte das Team der Kindermanngasse Arbeitsmaterialien und Pläne, die die Kinder durch die schulfreie Zeit begleiten sollten. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand wie lange die Schulen geschlossen bleiben würden. Oberstes Ziel der Kindermanngasse war es, den Kontakt zu allen SchülerInnen aufrecht zu erhalten. Dies gelang sehr gut. Neben täglichen Mailkontakten zwischen den KlassenlehrerInnen und den SchülerInnen gab es beispielsweise auch Videokonferenzen, an denen die Kinder teilnehmen konnten. Am 18. Mai begann der Unterricht in zweigeteilten Gruppen, der dafür sorgen sollte den Sicherheitsabstand zu gewährleisten und die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Diese Form des Unterrichts wurde bis zum Schuljahresende am 3. Juli aufrechterhalten.

 

 

Danksagung

Besonderer Dank gilt Frau Gertrude Neuhold und dem Team des Bezirksmuseums Hernals für die Zurverfügungstellung von Fotografien und der Unterstützung bei den Recherchearbeiten.

 

Danke auch am Prof. Fabian Vodicka, der die Chronik der VS Kindermanngasse zusammengestellt hat.